Geliebtes Grün

Rund ums Deutsche Kleingartenmuseum in Leipzig erschaffen sich Städter ihre eigene Welt

Ulrike Gropp, Berliner Zeitung 14.Nov. 2006

LEIPZIG. Graben, jäten oder mähen? Erst gestern haben sie den Pachtvertrag unterschrieben, heute stehen Silke Pasewalck und Dieter Neidlinger bereits in ihrem Garten und überlegen, womit sie anfangen sollen. Der eineinhalbjährige Sohn David hat sich fürs Buddeln entschieden. Scherben, Hundekot und Kippen gibt es in der Kleingartenanlage "Dr. Schreber" nicht. Das Rauschen des Windes in den hohen Bäumen lässt Davids Eltern vergessen, dass sich nur 200 Meter von hier zwei Hauptverkehrsachsen kreuzen. Und dass es vier Monate dauerte, bis die Verhandlungen mit dem Verein und mit dem Vorbesitzer von der Schlüsselübergabe gekrönt wurden. Die Pacht eines Kleingartens ist in Deutschland nämlich fast so kompliziert wie der Erwerb einer Immobilie.

Der Ruf der Vereine

Die Herbstsonne scheint auf buntes Laub. David kann im Freien spielen. So ähnlich hatten sich seine Eltern ihr Leipziger Idyll vorgestellt, als sie sich im Juni auf Gartensuche begaben. Damals, als es sie der Arbeit wegen von Berlin nach Leipzig verschlug, träumten die Literaturwissenschaftlerin und der Lektor noch von einer Wohnung mit Garten. "Aber wir wollten nicht an den Stadtrand ziehen. Ein Eigenheim mit Garten kam nicht in Frage", berichtet Dieter Neidlinger. "Wir haben uns an Berliner Freunde erinnert, die vor zwei Jahren, als sie ein Kind bekamen, einfach einen Garten in der Nähe dazugemietet haben." In Leipzig, das sich mit seinen 39 000 Kleingärten gerne als die "heimliche Hauptstadt der Kleingartenbewegung" bezeichnet, sollte das kein Problem sein, dachten sie. Denn bei rund 500 000 Einwohnern entfällt rein rechnerisch auf jeden 13. Bürger eine eigene Parzelle.

Den Neu-Leipzigern war damals natürlich nicht bewusst, dass sie mit ihrer Entscheidung für eine Stadtwohnung plus Extra-Garten eine moderne Version der Idee umsetzten, die vor mehr als 150 Jahren zur Schrebergarten-Bewegung führte. Es war ihnen auch nicht klar, dass es sich beim Objekt ihrer Sehnsucht, der in der Nähe ihrer Wohnung gelegenen Kleingartenanlage "Dr. Schreber", nicht um irgendeinen Kleingartenverein handelte. Sondern um die 1864 gegründete "Keimzelle" der Schrebergartenbewegung. Das inmitten eines sanierten Altstadtviertels gelegene Areal ist deshalb nicht nur die älteste, sondern auch die kulturhistorisch folgenreichste und wohl auch beliebteste Gartenanlage der Stadt. Hier nahm vor fast 150 Jahren eine Idee Gestalt an, die unter den aktuellen städtebaulichen und gesellschaftlichen Bedingungen "eigentlich nach einer Wiederbelebung schreit - wenn die Kleingartenvereine nicht so schrecklich spießig wären", sagt Andreas Paul, Stadtentwicklungsplaner in Leipzig. "In meinem Freundeskreis gibt es viele, auch Wohngemeinschaften, die gerne einen Garten in der Stadt hätten. Doch diese Vereine mit ihrer Überregulierung und sozialen Kontrolle sind für junge Leute total abschreckend."

Warum das zumindest auf dem Papier so strenge Regiment der Vereine bis hin zum Deutschen Kleingartengesetz so ist, wie es ist, lässt sich ebenfalls bei "Dr. Schreber" erfahren. Denn inmitten der Gartenanlage erhebt sich ein Fachwerkbau, der das 1996 gegründete Deutsche Kleingartenmuseum beherbergt. Caterina Hildebrand versucht dem Haus, das jährlich etwa 2 000 Besucher zählt, zu neuer Dynamik zu verhelfen. Nicht einfach, angesichts des konservativ-reaktionären Images der Schrebergartenbewegung und chronischer Unterfinanzierung. "Alle Schrebergärten sind Kleingärten - aber nicht alle Kleingärten sind auch Schrebergärten" - mit dieser Einleitung beginnt sie ihre Führung, die mit einigen Missverständnissen aufräumen soll. Unter anderem mit der in sozialistischen Zeiten gepflegten Mär, dass alle Kleingärten aus Armengärten entstanden seien und somit proletarische Wurzeln hätten. In Leipzig waren es vor allem Bürger und Honoratioren, deren Engagement "für ein Aufwachsen der Stadtkinder in körperlicher und geistiger Gesundheit" auch im Jahr 2006 noch aktuell klingt.

Öffentliche Parks

Rainer Proksch, der Fachbereichsleiter Kleingärten bei der Stadt, verweist auf eine 2004 verabschiedete Konzeption, die mittel- und langfristig dazu führen soll, Gartenanlagen in Form von "Kleingartenparks" zu öffentlich zugänglichen Naherholungsgebieten zusammenzufassen. Auch er spürt ein zunehmendes Interesse junger Familien, die gerne - zumindest für einige Jahre - einen Garten in der Stadt hätten. Gleichzeitig weiß er um die Nachwuchssorgen vieler alteingesessener Vereine. Aber die Erfahrung lehrt, dass Veränderungen im Gartenmilieu noch länger dauern als anderswo.

Für Silke Pasewalck und Dieter Neidlinger überwiegen erst einmal die Vorteile: Sie haben den ersehnten Garten ergattert, die Kosten sind überschaubar. David fühlt sich wohl. Und so kommt es, dass die Drei an diesem Herbsttag unter den neugierigen Blicken ihrer neuen Gartennachbarn den kommenden Herausforderungen seelenruhig entgegensehen.

 

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